Mittwoch, 22. Februar 2017

Die Geschichte vom gemeinen Futter


Letzte Woche hatte ich hier (Klick) bereits von den Fortschritten meiner Cabanjacke geschrieben. Die gefühlten 96 Schnittteile konnte ich schließlich schnittmusterkonform zusammensetzen und kam mit dem Nähen auch ganz gut voran.
Das Futter, welches ich noch vor der Jacke zugeschnitten hatte und normalerweise zuerst nähe, schob ich erstmal beiseite, weil ich da noch keinen Plan vom Zusammensetzen hatte. Das war tatsächlich sehr hilfreich.

Während der Stoff so fröhlich unter meiner Maschine hindurchratterte und ich diverse Anproben mit wachsender Vorfreude machte, fiel mir plötzlich auf, dass das gute Stück überhaupt keine Taschen hatte. Und schon bröckelte die Freude ein wenig herunter. Nun fing mein Gehirn an zu rattern und ich überlegte mir eine Lösung für dieses wirklich tiefgreifende Taschenproblem. Aufgesetzte Taschen wären am einfachsten gewesen, aber sie passten einfach nicht zum Schnitt. Ich entschied mich dann Eingriffstaschen in jeweils eine der vorderen Teilungsnähte einzuarbeiten. Das ging solange gut, bis mir irgendwann einfiel, dass die Jacke ja doppelreihig geschlossen wird und folglich mindestens eine der Eingriffstaschen durch Knöpfe belästigt wird.
Ganz ehrlich - das war der Moment wo ich dachte: "Erstmal abwarten, wie sich das ganze entwickelt".



Das war letzten Freitag. Abends wollten wir ins Theater und ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dass ich auf Biegen und Brechen diese Jacke anziehen will. Also: Gegen mittag die Taschen eingenäht und kurz darauf das Futter. Das sollte alles bis knapp 16:30 Uhr zu schaffen sein, weil ich dann los musste.
Alles kein Problem, Futter schnell einnähen, am besten bei den Schlitzen die Wendeöffnung lassen, weil ich die wahrscheinlich eh von Hand anstaffieren muss.
Und da erschien das nächste Problem. Hinten am Rücken waren 2 Schlitze. Die hatte ich auch im Futter berücksichtigt, aber die Falten und Anstösse entweder falsch eingenäht oder aber zu blöd gewesen, das Prinzip zu verstehen. Da diese Schlitze aber sowieso blöd abstanden wurden sie kurzerhand zusammengenäht - Fertig! Problem gelöst. Also fast...

Gegen 16:00 wurden die Knopflöcher gemacht, dann folgten die Knöpfe und die ambitionierte Schneiderin stürzte vor den Spiegel, richtete die Zauselhaare, hatte keine Zeit mehr zu weiteren Umziehaktionen, entfernte sodann Fussel von den Klamotten, bestellte Bahnticket per Handy, warf sich in die neue Jacke, befand sie für ... naja ... okay (die Schlitze mussten noch perfektioniert werden), griff nach der Handtasche und da passierte es: Ich hörte  und spürte dieses fiese, gemeine, hinterhältige, ins eigene Futterfäustchen lachende Geräusch des aufreißenden Futterstoffs.


Innerhalb von 2 Sekunden dann folgender Gedankenablauf: "Scheiße, umziehen! - nee, verpasse dann den Bus- ich will die Jacke heute abend anziehen! Sieht ja keiner mit dem Futter... aber, ich weiß es. Ich weiß es!! Doch lieber umziehen... nein, ich lass sie an, auch wenn ich gerade heulen könnte, weil das Futter gerissen ist und ich noch nicht mal Zeit habe, mir den Riß zu betrachten. Hoffentlich hängt der nicht in Fetzen runter..." Tür abgeschlossen und raus, Bus gekriegt und mir während meiner 1 stündigen Fahrt vorgestellt, wie die Risse wohl aussehen mögen. Die Risse, mögt ihr euch jetzt fragen... jahaa, der erste Riß meinte, er wäre noch nicht genug gewesen und gab das Kommando "Naht platzen!" an den Ärmel weiter.
Mir war sonnenklar, dass das Futter sich gegen mich verschworen hatte. Jede gerissene und ausgefranzte Naht, die ich später betrachtete schrie förmlich "Du hast verloren!!!" und streckte mir mit jedem Fransen die Zunge heraus. Das Futter und ich würden nie Freunde werden.



Gestern habe ich nun neuen Futterstoff bestellt. Diesmal werde mich mit ihm anfreunden, beim Zuschnitt zärtlich drüber streichen, es loben und behutsam durch das Maschinchen führen. Wenn ich dann noch mit den Nadeln die richtigen Akupunkturpunkte des Futters treffe, Jackenstoff und Futterstoff einander förmlich vorstelle und ihnen Gelegenheit gebe, sich kennenzulernen, wird die Jacke am Ende nicht nur von außen sondern auch von innen ein freundliches, mir in allen Bewegungslagen wohlgesonnenes Kleidungsstück sein.






Von außen ist sie wie erwähnt schon gut gelungen und deshalb präsentiere ich meine Cabanjacke heute voller Stolz und in Richtung Futter mit unterdrückten Grummeln bei MMM, MMI und After Work Sewing








Kommentare:

  1. Auf die Jacke kannst du zu Recht Stolz sein! Sie ist dir richtig gut gelungen und steht dir sehr gut.
    Wo hast du denn diesen wunderbaren Stoff gefunden?
    LG Julia

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    1. Danke Julia. Den Stoff habe ich von Alfatex in Darmstadt und war anfangs sehr unsicher, ob er mir steht. Mittlerweile liebe ich ihn.
      Liebe Grüße
      Julia

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  2. Wunderbare Jacke! Und das mit dem Futter kriegst du auch noch hin, manchmal braucht es sehr viel Geduld und Frustrationstoleranz, nicht wahr! Um so besser, wenn dann alles gut ist.
    Aber die Jacke steht dir wirklich ausgezeichnet!
    LG, Luise

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    1. Mit der Geduld und Frustration hast Du recht. Ich bin ja auch inzwischen fest davon überzeugt, dass absolut nicht an meinen Nähkünsten liegt, sondern der Futterstoff einfach schon zu lange bei mir liegt und damit altersschwach ist 😜😂 Schönreden hilft eben manchmal auch.

      Lieben Dank für Deine Worte.
      Herzliche Grüße, Julia

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  3. Tolle Jacke und so herrlich schwungvolle Fotos, da hört man fast die Musik die beim Fotografieren lief ;-) LG Keustensocke

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    1. Danke, Kuestensocken, ja - ohne Musik wäre das viel schwieriger. Und da ich dank Internet auch NDR2 hier unten hören kann, war die Laune gleich besser.

      Liebe Grüße,
      Julia

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  4. Sehr coole Jacke und ich musste lachen beim Lesen Deiner Futtergeschichte - gut, dass Du es mit Humor nimmst und bei dem schönen Teil lohnt sich ein zweiter Futteranlauf auf jeden Fall. Liebe Grüße von Ina

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    1. Liebe Ina, der 2. Anlauf wurde gestern gestartet und da sowieso die Jacke wieder "nackig" vor mir lag, hab ich noch ein paar Verschönerungen vorgenommen.
      Danke für Deine Worte und ja, ich nehme soetwas oft mit Humor. Ist viel besser als sich darüber zu grämen.
      Liebe Grüße, Julia

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  5. Suuuper geschrieben, eine richtig packende Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat. Musste unbedingt erfahren, wie die Geschichte ausgeht! Und erfahre: Sie ist noch nicht zu Ende. Viel Erfolg beim zweiten Futter-Anlauf, dem Futter kannst du die Zunge zeigen, nicht umgekehrt, es wird sicher alles gut. lg, Gabi (Musik hören beim Fotografieren - super Idee!)

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    1. Das freut mich sehr, liebe Gabi. Das alte Futter liegt mittlerweile in der nähe des Abfalleimers. So ganz nach dem Motto "das hast Du jetzt davon. Denk mal drüber nach, bevor Du entsorgst wirst!" Das neue Futter, elastisch(!), habe ich gestern zugeschnitten und liebevoll gesteckt. Im Moment sieht alles gut aus. Ich werde darüber berichten.
      Dir einen schönen Tag und liebe Grüße, Julia

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Ich freue mich sehr, wenn Ihr mir hier etwas schreibt. Meinung und Anregungen sind willkommen.